Mein Konzept von nachhaltiger Mode

Mein Konzept von nachhaltiger Mode

Warum ich nach 16 Jahren Modejournalismus nicht mehr will, sondern das Richtige. Von Lieblingsstücken, Zahlen, die sich nicht wegdiskutieren lassen, und einem Begriff, den ich lange gesucht habe.

16 Jahre lang habe ich als Redakteurin für Modemagazine gearbeitet. Ich habe Trends aufgespürt, Must-haves ausgerufen, Begehrlichkeiten geweckt. Konsum? Habe ich nicht hinterfragt. Im Gegenteil: Ich habe ihn mit angekurbelt. Und selber begeistert mitgemacht.

Mit jeder neuen Saison, jedem Trend (just saying: Trends sind dazu da, dass wir kaufen, auch wenn wir gar nichts brauchen), jedem „Das brauchen wir jetzt“ kamen neue Stücke in die Magazine. Und damit ziemlich wahrscheinlich auch in ziemlich viele Kleiderschränke. Dinge, die wir, ihr ahnt es, eigentlich gar nicht brauchen. Und das zu einer Zeit, als sich das Modekarussell noch deutlich langsamer drehte als heute.

Vor rund zehn Jahren bin ich aus dieser Immer-mehr-Maschinerie ausgestiegen. Nicht aus der Mode. Sondern aus der Idee, dass Liebe zu Mode zwangsläufig bedeutet, massenhaft konsumieren zu müssen, um modisch relevant zu bleiben. Denn irgendwann wird aus mehr einfach: zu viel.

A little reality check

Ich bin Journalistin. Eher Buchstaben- als Zahlenmensch. Aber manche Zahlen erzählen Geschichten, die sich nicht wegdiskutieren lassen:

Die Textilindustrie verursacht nach aktuellen Angaben des UN-Umweltprogramms schätzungsweise 2 bis 8 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen. Gleichzeitig liegt der Anteil von Textilien, die tatsächlich wieder zu neuen Textilien recycelt werden, noch immer bei unter einem Prozent. Mehr als 80 Prozent des weltweiten Textilabfallstroms werden verbrannt, deponiert oder gehen anderweitig verloren.

Allein in der EU entstehen jährlich rund 12,6 Millionen Tonnen Textilabfälle. Kleidung und Schuhe machen davon etwa 5,2 Millionen Tonnen aus.

Und global werden nach wie vor so viele Kleidungsstücke entsorgt, dass die Ellen MacArthur Foundation das Volumen sinnbildlich mit einer Lkw-Ladung pro Sekunde beschreibt.

Während wir also noch darüber diskutieren, wie viel Veränderung wirklich nötig ist, dreht sich das Karussell weiter. Aus Fast Fashion wurde Ultra Fast Fashion. Aus Kollektionen wurden Drops. Aus Saisons ein permanenter Strom neuer Produkte.

Schneller. Billiger. Mehr. Dabei könnte die Antwort erstaunlich einfach sein: Slow down. Choose better. Love longer.

Quelle: UN-Umweltprogramm (UNEP).
Quelle: UN-Umweltprogramm (UNEP).

I still love fashion

Ich liebe Mode noch immer. Vielleicht sogar mehr als früher. Ich liebe Design. Schnitte. Materialien. Handwerk. Diese besondere Intelligenz eines Kleidungsstücks, bei dem Proportion, Stoff und Konstruktion plötzlich genau zusammenpassen. Ich liebe die Geschichten hinter Designer*innen und Marken. Und diese wunderbare Möglichkeit, mit dem, was wir tragen, etwas über uns selbst zu erzählen, ganz ohne Worte. Nur gehe ich heute anders damit um.

Ob ich noch Mode kaufe, werde ich oft gefragt. Natürlich. Und das, obwohl ich mehr Kleidungsstücke im Schrank habe, als ich in meinem Leben auftragen kann. Mir geht es nicht um Verzicht (dazu macht Mode viel zu viel Freude). Es geht um ein Umdenken. Nicht als Korsett, sondern in the long run als Bereicherung. Ich kaufe weniger und wähle genauer. Und habe gerade deshalb länger mehr Freude an meinen Stücken.

Mich interessiert stärker, wer etwas gemacht hat. Wie es entstanden ist. Welche Materialien verwendet wurden. Und ob ich es wirklich lange tragen möchte.

Qualität statt Quantität. Slow statt Fast. Lieblingsstücke statt Wegwerftrends. Inhabergeführt statt austauschbar. Geschichte statt Beliebigkeit. Wertschätzung statt Verschleiß.

Dafür gibt es inzwischen eine ganze Reihe von Begriffen: Sustainable Fashion. Green Fashion. Ethical Fashion. Conscious Fashion. Slow Fashion. You name it. Keinen davon mag ich besonders gerne.

Deshalb bin ich schon lange auf der Suche nach einem Begriff, der diese Marken und ihre Kollektionen besser beschreibt. Und inzwischen habe ich ihn gefunden: mission-driven. Danke an die beiden ledge-Gründer Vali und Zachi, die dafür gesorgt haben, dass ich diese Suche beenden kann.

I know who made my clothes

Denn hinter diesen Brands stehen Menschen. Designerinnen, Gründerinnen, Produzent*innen. Menschen, die mit ihrem Namen, ihrer Idee und häufig auch mit großem persönlichem Investment für das stehen, was sie auf den Markt bringen. Sie wissen, wo produziert wird. Welche Materialien verwendet werden. Wer an ihren Produkten arbeitet. Und vor allem wissen sie, warum sie etwas anders machen wollen.

Viele kennen den konventionellen Fashion-Zirkus sehr genau. Sie haben selbst für große Unternehmen gearbeitet, Produktionsketten gesehen, Entscheidungen miterlebt und verstanden, was passiert, wenn ein System vor allem in eine Richtung denkt: Wachstum durch immer mehr Ware. Also haben sie beschlossen, andere Wege zu gehen.

Mit kleineren Stückzahlen. Mit Made-to-Order. Mit lokalen Produzent*innen. Mit besseren Materialien. Mit traditionellem Handwerk. Mit innovativen Herstellungsverfahren. Mit Reparatur, Rücknahme, Recycling oder zirkulären Konzepten.

Am Webstuhl bei Charkha & Loom.
Am Webstuhl bei Charkha & Loom.

Nicht jede dieser Marken macht alles perfekt. Mein Claim? 70 Prozent ist das neue Perfekt. Perfektion ist auch gar nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass jemand Verantwortung für die eigenen Entscheidungen übernimmt. Und genau das interessiert mich.

Because it feels better

Denn es fühlt sich erstaunlich gut an, ein Kleidungsstück zu tragen und etwas darüber zu wissen.

Zu wissen, wer dahintersteht. Zu wissen, was man auf der Haut trägt. Zu wissen, wo und wie es entstanden ist.

Zu wissen, dass die Menschen entlang der textilen Kette respektvoll behandelt wurden.

Für mich ist das zeitgemäßer Luxus: Dinge zu besitzen, die uns etwas bedeuten. Nicht immer mehr. Sondern die richtigen. Dinge, die wir gerne tragen. Oft tragen. Lange tragen. Pflegen, reparieren und vielleicht irgendwann weitergeben.

Neue Sohle statt neuer Schuhe: Wayz besohlt seine Sneaker neu.
Neue Sohle statt neuer Schuhe: Wayz besohlt seine Sneaker neu.

Mir geht es dabei nicht um Verzicht. Im Gegenteil. Ich möchte Mode genießen. Aber ich möchte nicht mehr alles haben müssen. Ich möchte auswählen.

70 Prozent ist das neue Perfekt.

Vielleicht liegt genau darin die Veränderung, die ich in den vergangenen zehn Jahren erlebt habe: Früher bestand mein Job darin, möglichst früh zu wissen, was als Nächstes kommt. Heute interessiert mich viel mehr, was bleiben kann. Deshalb widme ich einen großen Teil meiner Arbeit genau den Menschen und Marken, die Alternativen zum Immer-mehr entwickeln: als Journalistin und Herausgeberin, als Moderatorin und Speakerin, als Consultant und Netzwerkerin, und heute auch als Editor in Chief und im Bereich Brand Partnerships bei ledge.

Denn es gibt Alternativen zum Offensichtlichen. Wir müssen sie nur entdecken. Und weitersagen. Auf ledge.eu finden sich immer mehr dieser founder-led, mission-driven Brands. Nicht, weil sie alle gleich sind. Sondern gerade, weil sie es nicht sind.

Und deshalb halte ich es heute wie Vivienne Westwood: Buy less. Choose well. Make it last. Denn nur echte Lieblingsstücke haben das Potenzial, uns lange Freude zu bereiten.

That's my kind of fashion.

Worauf ledge achtet

Was es bedeutetVon den Gründer*innen geführt und geprägt: klare Handschrift, persönliche Verantwortung.
Der HakenNicht automatisch fair, nachhaltig oder transparent. Entscheidend ist, wie die Marke handelt.

Alle Marken in dieser Geschichte werden von ihren Gründer:innen geführt. Pla, Charkha & Loom, Théla, Simone Wild, Honest Toil und NONEED.PROJECT zahlen existenzsichernde Löhne; Vaelu, intuismcrafts, 3quarters, VAER und Matona sind zertifiziert, und Organic Goods gehen in ihrer Lieferkette weiter als jedes Siegel. Made Out Of, saendorn, Wayz, Studio Üm, Labolsina und VICUS produzieren in Europa.

Marken in dieser Story

Pla Original
Handwoven jute shoes and sandals · Spain
Pla Original
Charkha & Loom
Handmade clothing celebrating Indian craftsmanship · Amsterdam, Netherlands
Charkha & Loom
Théla
Bags & Accessories · Greece
Théla
Simone Wild
Velvet clothing in bold colours · Frankfurt, Germany
Simone Wild
Honest Toil
Olive oil pressed on harvest day · Hungary
Honest Toil
Noneed.project
Unisex trousers from deadstock · Cologne, Germany
Noneed.project
Vaelu
Clothing made to order in Germany · Münsterland, Germany
Vaelu
Intuismcrafts
Linen clothing from home-grown flax · Austria
Intuismcrafts
3quarters
Bags & Accessories · Greece
3quarters
Vaer
Sneakers from textile waste · Copenhagen, Denmark
Vaer
Matona / Organic Goods
Organic cotton, cut for the family · Vorarlberg, Austria
Matona / Organic Goods
Made Out Of
Lifestyle accessories · Netherlands
Made Out Of
Saendorn
Functional everyday wear · Cologne, Germany
Saendorn
Wayz
Leather sneakers made in Portugal · Porto, Portugal
Wayz
Studio Üm
Handmade ceramics from Spain · Málaga, Spain
Studio Üm
Labolsina
Bags made from old hotel fabrics · Milan, Italy
Labolsina
Vicus
Handmade Tuscan leather goods
Vicus

You might wonder:

Wo landen diese Massen an (ungetragenen) Textilien eigentlich?

Vieles wird verbrannt, deponiert oder exportiert. Ein Teil reist Tausende Kilometer nach Afrika oder Asien, und wird dort erneut verkauft, recycelt oder weiterexportiert. Was niemand mehr haben will, endet häufig auf Müllhalden oder im Feuer. Siehe oben: eine Lkw-Ladung pro Sekunde.

Darf ungetragene Neuware wirklich vernichtet werden?

In der EU inzwischen nur noch sehr eingeschränkt. Seit Juli 2026 dürfen große Unternehmen unverkaufte Kleidung und Schuhe grundsätzlich nicht mehr vernichten. Stattdessen sollen sie verkauft, gespendet, repariert oder wiederverwendet werden. Denn bislang wurden Schätzungen zufolge 4 bis 9 Prozent aller in Europa auf den Markt gebrachten Textilien vernichtet, bevor sie überhaupt getragen wurden.

Gelesen von Menschen, denen wichtig ist, wie die Dinge gemacht werden.

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